BBK Oberfranken
Berufsverband Bildender Künstler/innen Oberfranken e.V.

7 im Kesselhaus

 

7 im Kesselhaus

Sachlich, nüchtern nennt der Titel das Konzept der Ausstellung, die vom 02.07.2016 bis zum 07.08.2016 im Kunstraum Kesselhaus in Bamberg zu sehen ist. Das Kesselhaus als Ausstellungsraum, das alles andere als ein »white cube« darstellt, ist hierbei prägendes Element. Der Raum gibt jeder der sieben künstlerischen Positionen einen zusätzlichen Bedeutungsaspekt, kommentiert, erweitert oder kontrastiert die ausgestellten Arbeiten.

Das Kesselhaus der ehemaligen Heizzentrale des Alten Krankenhauses ist eine Industriebrache. Jahrelang stand es leer und wurde nun in einem langwierigen Prozess für die zeitgenössische Kunst nutzbar gemacht. Dies ist dem Verein Kunstraum JETZT! e. V. zu verdanken, der im September 2013 auf gemeinsame Initiative des Architekturtreffs Bamberg, des Kunstvereins Bamberg sowie des BBK Oberfrankens gegründet wurde. Nach mehreren baulichen Maßnahmen steht das Kesselhaus nun seit Juli 2015 für mindestens drei Jahre der zeitgenössischen Kunst als Ausstellungsraum zur Verfügung.

Der Raum bietet dabei mit seinen Überresten der früheren Nutzung ein ganz spezielles Ambiente, das mit den ausgestellten Arbeiten interagiert: Die Wände sind teilweise aus grobem Backstein, zum Teil aus Beton, in die sich an manchen Stellen der Dreck der früheren Nutzung hineingefressen hat. Rohre, Leitungen, Schaltkästen, Abdeckungen, etc. geben eine Strukturierung der Wände vor, in die sich die künstlerischen Arbeiten einfügen müssen. Die sieben aktuell dort ausgestellten Positionen tun das auf unterschiedliche Weise:

Mathias Börner zeigte optisch verblüffende, radial pulsierende Gemälde, die er mit einer eigens konstruierten Rotationsmaschine erschuf.
Hans Doppel setzte sich in seiner Objektinstallation aus Blattgold, Glas, Plazenta und Blei mit der ebenso wichtigen wie schwierigen Trennung von Wahrheit und Unwahrheit auseinander.
Goda Plaum schuf sorgfältig komponierte Darstellungen von Interieurs, indem sie unterschiedlich farbige Textilflächen zusammennähte. Bild und Bildträger wurden eins.
Maria Söllners Variationen einer archaisch-primitiven Kopfform reizten die Möglichkeiten eines individuell manuellen Druckprozesses auf unterschiedlichen Bildträgermaterialen aus.
Optisch vertrautes wie etwa die amerikanische Flagge wurde in Peter Schoppels Malerei durch komplexe Rasterungen und Motivüberlagerungen zerlegt, hinterfragt und neu bewertet.
Ein kleiner geschnitzter Holzkopf diente Nelly Schrott als Modell für Verwandlungen und unterschiedliche Identitäten, die an Charaktere aus Kinder- oder Fantasywelten denken liessen.
Vier Farbstifttöne genügten Richard Wientzek für seine Zeichnungen, um die Weite und vorgebliche Kargheit von winterlichen Äckern in all ihrer detaillierten und malerischen Pracht zu zeigen.

Die Künstler, die Werke

 

Mathias Börner

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Rotation, 50 x 50 cm, Acryl auf Leinwand, 2016

Die Farbe Heliogenblau fließt aus dem Pinsel und hinterlässt ihre kreisende Spur auf der rotierenden Bildfläche. Durch Vermischung mit der Farbe Weiß und Wasser entstehen Wellen blauen Lichts. Farbe oszilliert zwischen Hell und Dunkel. Stufenlose Übergänge heben Grenzen auf. Das Bild pulsiert. Die Wahrnehmung fließt.
Am So. 10.7. und 31.7. um 15:00 Uhr zeigt Mathias Börner den Entstehungsprozess seiner Serie Rotationen mit einer selbst konstruierten Malmaschine.

Hans Doppel

ich

Ich bin, 180 x 105 x 70 cm, Fichtenholz, Glas, Silikon, Filz, Plazenta, Bleiblech, Blattgold, Spiritus, Spiegel, 1999

Der Mensch hat auf seinem Lebensweg, im Rahmen seiner Möglichkeiten, Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, mit dem Ziel sich weiterzuentwickeln. Auf diesem Weg wird er belehrt mit Wahrheiten, Halbwahrheiten und falschen Zeugnissen. Der Mensch muss filtern, Unwichtiges von Wichtigem trennen und lernen, sich nicht durch Sinneswahrnehmungen täuschen zu lassen. Er ist an die irdischen Prinzipien gebunden, befindet sich aber stets im Austausch mit dem Geistigen. Je nach Reife, Talent und Entwicklung geschieht dies mehr oder weniger harmonisch. Der Spiegel ist dabei ein unverzichtbares Instrument zur Selbstkontrolle. Die Welt bietet die Bühne, auf der diese Prozesse geschehen können, doch sie ist auch zerbrechlich wie Glas.

Goda Plaum

xx

Innen 2, 100 x 100 cm, Patchwork auf Keilrahmen, 2014

In der Malerei wird die Bildfläche dadurch kompositorisch strukturiert, dass sie durch verschiedene Farben, die auf die Leinwand aufgetragen werden, in Flächen unterteilt wird. Warum also nicht gleich mit unterschiedlich farbigen Leinwänden, also mit farbigen Stoffen,arbeiten? Die so entstandenen Bilder bestehen nicht mehr aus zwei Teilen, der Leinwand als Bildträger und den Farben des Bildes, sondern Bild und Bildträger werden eins. Unterschiedlich farbige Stoffe wurden so aneinander genäht, dass sich auf der Vorderseite eine plane Bildfläche ergibt. Aufgespannt auf einen Keilrahmen können sie wie gemalte Bilder präsentiert werden. Die zentralperspektivische Konstruktion wurde zuvor am Computer entwickelt und diente als Schnittmuster für die einzelnen Stoffteile.

Maria Söllner

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Hunters Head – Head Hunters, 5 Variationen eines archaischen Kopfmotivs, 70 x 50 cm, 2015/16

Variationen einer archaisch-primitiven Kopfform wurden von Hand mit schwarzer Farbe auf Schleifpapier, Transparentpapier und Bücherseide gedruckt. Als Druckstock diente eine Baumscheibe, in der alle Linien des Motivs schon vorhanden waren. Der manuelle Druckprozess durch Reiben mit unterschiedlich starkem Druck von Handballen, Fingerkuppe und Fingernagel ist für die optische und haptische Wirkung des fertigen Drucks entscheidend. Die pastos aufgetragene Farbe und das gewellte Papier bewirken die skulpturale Oberfläche des Kopfmotivs. Das affenähnliche Profil lässt an die Ahnenreihe der Gattung Homo denken.

Peter Schoppel

Stegaurach

Lichtblick Amerika, 70 x 160 cm, Acryl auf Leinwand, 2009

Rasterungen:
Konstruierte regelmäßige Bildelemente überschneiden und überlagern in mehreren Ebenen Ausschnitte unserer vertrauten Umgebung. Harte Linien und klare Kante über wuchernder floraler Welt. Ein Schema mit dem Peter Schoppel Phänomene und Vorgänge ordnet, hinterfragt und bewertet. So auch in der Arbeit „Lichtblick Amerika“, einer grafisch überarbeiteten Abstraktion der Amerikanischen Flagge, die als politische Fragestellung zu Beginn von Obamas erster Amtszeit im Jahr 2009 entstand. Am Ende seiner Präsidentschaft wird sie wieder aktuell, wenn sie bildlich die Frage stellt, was von der langen Anforderungsliste abgearbeitet werden konnte.

Nelly Schrott

xx

Köpfe, 9 teilig, je 90 x 60 cm, Tintenstrahldruck auf Forex

Nelly Schrott inszeniert einen kleinen geschnitzten Holzkopf in verschiedenen Identitäten. Dieses Spiel mit der Verwandlungen ein und derselben Figur ohne Vorbilder aus unserer normalen Umgebung lässt fremdartige Charaktere entstehen, die an Gestalten aus Kinder- und Fantasy-Welten erinnern. Man blickt hier auf phantastische, der Wirklichkeit entzogene Figuren, mit denen dann aber für den Betrachter trotzdem in gewisser Weise Blickkontakt und Zwiesprache möglich sind.

Richard Wientzek

xx

Epiphanias, Tusche und Farbstifte auf Papier, 46 x 84 cm, 2016

Für Richard Wientzek steht die Zeichnung ebenbürtig neben der Malerei, wenn nicht über ihr. Er schuf in den letzten Jahren vor allem Stillleben, die Gebrauchsgüter des Alltags in ungewöhnlichen Kombinationen zeigen. Aus ihrem Nutzungszusammenhang herausgelöst, sind sie in maßstabsgerechten, höchst detaillierten Tusche- und Farbstiftzeichnungen dargestellt. Das nahsichtige und präzise Sich-Abarbeiten an Alltags- und Konsumobjekten hatte zur Folge, dass er sich nach Weite und Atmosphäre und nach einem großzügigeren Duktus sehnte. Es zog ihn wieder raus auf den Acker. Die Fokussierung auf je ein einzelnes Feld, ohne Himmel, Wege, Bäume ging einher mit einer gezielten technischen Beschränkung. Setzte er bei seinen bisherigen Stillleben alle 120 verfügbaren Farbstifttöne ein, wollte er nun mit dem Nötigsten auskommen: Schwarz, Magenta, Gelb und Ultramarin. Reduzierte Landschaft, reduziertes Werkzeug, aber aller gestalterischer Reichtum. Äcker zwischen Kargheit und Pracht, Äcker zwischen Merkendorf und Starkenschwind.